Archiv für Oktober, 2012

Gedichte von Yunus Emre

Veröffentlicht: 29. Oktober 2012 in Yunus Emre

Bist du denn fremd hierher gezogen –
Ach, warum weinst du, Nachtigall?
Und hast ermattet dich verflogen?
Ach, warum weinst du, Nachtigall?

Hast hohe Berge überschritten?
Bist über Flüsse tief geglitten?
Hast Trennung du vom Freund erlitten?
Ach, warum weinst du, Nachtigall?

Ach, wie so bitter klingt dein Flehen!
Neu läßt du meinen Schmerz enstehen!
Du möchtest deinen Freund wohl sehen?
Ach, warum weinst du, Nachtigall?

Du kannst doch deine Flügel breiten
Und kannst sie ja zum Fluge weiten
Und alle Schleier überschreiten!
Ach, warum weinst du, Nachtigall?

Du wohnst im Lenz im Rosenhage,
Dir duften Blüten alle Tage,
Doch immer neu klingt deine Klage:
Ach, warum weinst du, Nachtigall?

Ihr Augen, die im Schlafe ruhten,
Erwachend hebt ihr an zu bluten –
Mein Herz entbrennt in hellen Gluten –
Ach warum weinst du Nachtigall?
Yunus Emre, († 1321), türkischer Sufi, gilt als der erste mystische Volksdichter in der türkischen Tradition
Spruch-ID: 70892

Wenn du Gott suchst, suche Ihn nur im eigenen Herzen.
Yunus Emre, († 1321), türkischer Sufi, gilt als der erste mystische Volksdichter in der türkischen Tradition
Spruch-ID: 72914

Weiß nicht, wo ich steh‘
Durch der Liebe Hand,
Nicht, wohin ich geh‘
Durch der Liebe Hand.

Wohn‘ in Bergen wild,
Blut’ge Träne quillt
Immer ungestillt
Durch der Liebe Hand.

Bogen ward ich nun,
Flöte ohne Ruh’n –
Klagen all mein Tun
Durch der Liebe Hand.

Hör mein Jammern an!
Meine Scham vertan,
Gab mein Haupt ich dran
Durch der Liebe Hand.

Will mein Sein hingeben,
Mich zu Ihm begeben,
Nackt und bloß nur leben
Durch der Liebe Hand.

Sieh, was Yunus tut:
Recht ist sein Wort, gut –
Immer weint er Blut,
Durch der Liebe Hand.
Yunus Emre, († 1321), türkischer Sufi, gilt als der erste mystische Volksdichter in der türkischen Tradition
Spruch-ID: 126329

In Leidenschaft fiel tief mein Herz –
Sieh, was die Lieb‘ aus mir gemacht!
Ich gab mein Haupt an Streit und Schmerz –
Sieh, was die Lieb‘ aus mir gemacht!

Ich weine still in mich hinein,
In Blut färbt mich die Liebe ein,
Kann nüchtern nicht, verwirrt nicht sein –
Sieh, was die Lieb‘ aus mir gemacht!

Bald weh‘ ich, wie der Wind es tut,
Bald staub‘ ich, wie ein Weg voll Glut,
Bald fließ‘ ich, wie des Wildbachs Flut –
Sieh, was die Lieb‘ aus mir gemacht!

Blaß meine Haut, mein Auge weint,
Mein Herz zerstückelt und versteint,
Erfahren und dem Schmerz geeint –
Sieh, was die Lieb‘ aus mir gemacht!

Als armer Yunus wohl bekannt,
Von Kopf bis Fuß voll Wundenbrand,
Ich schweife fern von Freundeshand –
Sieh, was die Lieb‘ aus mir gemacht!
Yunus Emre, († 1321), türkischer Sufi, gilt als der erste mystische Volksdichter in der türkischen Tradition
Spruch-ID: 129897

Mit Bergen und mit Steinen auch
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Mit Vögeln früh im Morgenhauch
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit Fischen in des Wassers Grund,
Gazellen in der Wüste rund,
Mit „Yahu!“ aus der Toren Mund
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit Jesus hoch im Himmelsland,
Mit Moses an des Berges Rand,
Mit diesem Stab in meiner Hand
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit Hiob, der vor Schmerz versteint,
Mit Jakob, dessen Auge weint,
Und mit Muhammad, Deinem Freund,
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit Dank und Preis und Lobeswort,
Mit „Gott ist Einer“, höchstem Hort,
Barhäuptig, barfuß, immerfort
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!

Mit lesend frommer Zungen Hallen,
Mit Turteltauben, Nachtigallen,
Mit denen, die Gott lieben, allen
Will ich Dich rufen, Herr, o Herr!
Yunus Emre, († 1321), türkischer Sufi, gilt als der erste mystische Volksdichter in der türkischen Tradition